Montag, 2. November 2009

Das Storchennest

Das Storchennest

Einmal lebte da irgendwo ein alter Mann mit seiner einzigen Tochter zusammen. Als er eines Tages hinaus aufs Feld ging, sah er eine große Schlange, die einen Frosch verfolgte. "Du schlechte Schlange!" sagte er, nahm einen Stock und schleuderte sie mit dessen Spitze fort. Der befreite Frosch aber enthüpfte freudig. Der Alte aber ging, über seine Tat zufrieden, nach Hause. Einige Tage darauf kam ein junger Bursche zum Hause und bat dort, ihn über Nacht zu beherbergen. Da er von gutem Aussehen war, verliebte sich die Tochter des Alten bis zur Narrheit in ihn, und als der Alte sah, dass beide jungen Leute aneinander Gefallen fanden, gab er sie ihm, da er den Burschen gut leiden konnte, zur Frau. Er wusste aber nicht, dass jener kein anderer war als die Schlange, die er damals fortgeschleudert hatte und die nun in einen Menschen verwandelt gekommen war, um ihre Rache an ihm zu nehmen. Nach der Heirat der beiden wurde die Tochter krank, und ihr Zustand wurde von Tag zu Tag schlimmer, so dass der Alte in großer Sorge um ihr Leben war. Eines Tages kam ein Wahrsager, den man in dieser Gegend noch niemals gesehen hatte, des Weges, und der Alte rief ihn in das Haus, um ihn wegen des Zustandes seiner Tochter um Rat zu fragen. Der Wahrsager betrachtete die Kranke und sagte dann: "Der Gatte dieser Frau ist kein gewöhnlicher Mensch. Da sie von einem nichtmenschlichen Wesen ein Kind bekommen soll, muss sie daran sterben." Als ihn der Alte fragte, ob es kein Mittel gegen diesen bösen Zauber gäbe, riet ihm der Wahrsager: "Auf dem großen Katsurabaum hinter deinem Haus hat ein Storch sein Nest gebaut. Gebt ihr die drei Eier aus dem Nest zu essen, dann wird sie gerettet werden können." Nun fühlte sich der Alte schon zu schwach und gebrechlich, um selbst auf den Baum zu steigen, und dachte deshalb: "Das kann mein Schwiegersohn für mich tun." Er bat ihn also darum, die Eier aus dem Nest zu holen. Sofort zeigte sich dieser bereit, den Wunsch des Alten zu erfüllen. Aber als er den Stamm zu erklettern versuchte, wollte und wollte es ihm nicht gelingen. Da nahm er plötzlich seine Schlangengestalt an und konnte sich so mühelos am Stamm emporwinden. Kaum aber hatte die Schlange ihren Kopf in das Nest gesteckt, da kamen die alten Störche geflogen und pickten sie so lange mit ihren spitzen Schnäbeln, bis sie es nicht mehr aushalten konnte und von dem hohen Baum herabfiel. Während sich die vom Fall schwerverletzte Schlange im Todeskampf am Boden wand, kamen von überallher unzählig viele Frösche herbeigehüpft und sprangen, laut "Kutabare (stirb,stirb!)" quakend, um sie herum. Im Todesschmerz sich windend stöhnte da der Schlangenmann: "Wenn ich auch sterben muss, die Tochter hier im Haus wird mir dreitausend Schlangen gebären. Wenn sie geboren sind, werden sie euch Frösche verfolgen und fressen und werden mich so rächen!" Nach diesen Worten hauchte der Schlangenmann sein Leben aus. Der Alte war aber nun aufs neue bekümmert und fragte nochmals den Wahrsager um Rat. Der riet ihm: "Am Fest am dritten Tag des dritten Monats gebt eurer Tochter Reiswein mit daraufgestreuten Pfirsichblütenblätter zu trinken, dann werden tausend der ungeborenen Schlangen ohne Schaden zu stiften abgehen. Am Fest des fünften Tages im fünften Monat gebt ihr Reiswein mit Lilienblättern gemischt zu trinken, und es werden nochmals tausend Schlangen abgehen. Am neunten Tag des neunten Monats gebt ihr Reiswein mit Chrysanthemenblütenblättern, dann wird der Rest der Schlangenbrut vernichtet! Ich selbst bin jener Frosch, dem du damals das Leben gerettet hast, zum Dank rette ich nun mit meinem Ratschlag das Leben deiner Tochter!" Damit zog der Wahrsager seines Weges. Man befolgte seinen Rat, und die Tochter wurde wiederhergestellt.

Seit jener Zeit aber ist es in Japan üblich, an diesen drei Festtagen Reiswein mit Pfirsichblüten, Schwertlilienblättern oder Chrysanthemenblüten als Abwehrzauber gegen böse Einflüsse zu trinken.
(H. Hammitzsch).

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