Freitag, 6. Januar 2012

Das ausgewitzte Fröschlein


Das ausgewitzte Fröschlein
Der Rabe Hunz, mehr grau als schwarz
besuchte seinen Freund im Harz.
Er traf ihn dort in Zellerfeld
wo ihn der Freund hatt' hinbestellt.

Herr Kraah aus Klaustal war schön dick,
sein Federkleid kolkschwarz und schick
glänzte gleich einem samtenen Frack
so wie schwarze Schuh' aus Lack.
Von Hunz sogleich danach befragt
wie's käm', dass er so gut genährt,
hat Kraah zum Freund nur "Frosch" gesagt,
und danach ihn kurz aufgeklärt.

"Mein Bäuchlein habe ich bekommen
weil Frösche ich zu mir genommen.
Die sind an Vitaminen reich.
Es gibt sie fast in jedem Teich.
Probier es aus, nach kurzer Zeit
ist glänzend auch dein Federkleid."

Da flog der Rabe Hunz sogleich
schnurstarcks eilig zum nahen Teich
wo am Schilfrande im Gras

glotzäugig ein Fröschlein saß.


Das schnappte er am Ufersaum
und flog mit ihm im Beuteglück
hurtig in sein Nest zurück
hoch auf einem Baum.
Dort wetzte er den Schnabel sich
was für den Frosch klang schauerlich,
denn, so dachte der indessen.
"O weh, jetzt werd`ich aufgefressen".
Doch weil der Frosch war ausgewitzt
sprach zum Vogel er verschmitzt.


"Auch wenn du mich gleich fressen willst,
und deinen Hunger an mir stillst,
habe ich keine Angst vor dir,
vorausgesetzt du frißt mich hier.
Ich hoffe dass du gnädig bist,
und mich nicht am Teiche frißt.
Würdest du's dort unten machen,
würde mich mein Volk verlachen.
Ach hab Erbarmen doch mit mir
Drum bitt ich dich, verspeis' mich hier,

Der Rabe, hungrig doch gerissen
dachte an all die Leckerbissen
die er für sein Fressverlangen
sich am Wasser könnte fangen.
Über die Nachricht sehr erfreut,
weil er den Hals nicht voll konnt kriegen,
schnappte sich den Frosch erneut
um mit ihm dorthin zu fliegen.
Er sah die vielen anderen gleich
die dort noch lebten all am Teich
und sprach zum Frosch: "Ich danke dir,
dass du gezeigt hast all dies mir."
Dann wetzte er an einem Stein
Den Schnabel sich in seiner Gier
um sie im gierigen Verlangen
Zum Mittagstische sich zu fangen.
Der Frosch, das ausgewitzte Tier
sprang in den Teich indes hinein.
Die Frösche quakten: "Welch ein Narr"
Da wurde auch dem Raben klar
Dass Eitelkeit, Dummheit und Gier
Sind für ein Vogel schlechte Zier.

R.W. A.
nach einer alten Fabel

Amsel und Kröte


Amsel und Kröte.


In einer Mär aus dem Tessin
steckt mancherlei an Wahrheit d'rin.

Einstmals vor vielen, vielen Jahren
ist der Kröte widerfahren
etwas das gereicht zur Ehr'
ihr, sie vergaß es nimmermehr.

An einem schönen Sommertag
trafen sich zum Acht-Uhr-Schlag
Amsel und Kröt`in Brusino
im Dorfe unten irgendwo.
Nahe der Kirche am Wiesenrain
ließ man sich auf`s Wetten ein.

Die Amsel sprach im Übermut
zur Kröte: "Beweise deinen Mut.
Lass uns eine Wett`abschließen.
Wer gewinnt, der sei gepriesen.
Wer als erster auf der Alp
beim Senner ist, bei Kuh und Kalb
und dem Cecch die Milch wegstiehlt
gewinnt.Der andre hat verspielt."
"Einverstanden, abgemacht,"
sprach die Kröte mit Bedacht.
Sie wusste , dass das Vögelein
mit einem Schwung konnt' oben sein.
Drum hat sie nicht lang' zugebracht,
sich alsbald auf den Weg gemacht.

Während sie bedächtig schritt,
flog die Amsel mit ihr mit.
Drehte froh nach Amselweise
in den Himmel ihre Kreise.
Sang dazu mit lautem Schall
saß man sie hörte überall.

"Oh,wie schön wird es dort droben,"
hörte man sie selbst sich loben,
"wenn ich gleich mit frohem Sinn
unsre Wette leicht gewinn.
Ach wie gut, dass ich kann fliegen.
Ich ruh mich aus, hab' Zeit zum Siegen,
denn das plumpe Krötentier
braucht drei Tage, wenn nicht vier,
während ein Flügelschlag im Wind
mich hinaufträgt ganz geschwind."


Dann flog sie zum Holunderstrauch
und schlief erst mal nach Amselbrauch.

Die Kröte indes kroch und kroch.
Selbst in der Nacht da kroch sie noch.
Langsam, ganz sachte, Stein um Stein,
kroch sie dahin beim Vollmondschein.
Nach zwanzig Stunden Wanderschaft
hatte sie den Berg geschafft.
Und am Morgen in der Früh
molk sie oben Cecches Küh'.

Als dann im Tal die Glochen klangen
hat sie gemütlich angefangen.
Sie trank in aller Ruh die Milch
vom Cecch, der schlief noch dieser Knilch.

Endlich im Tale unten auch
erwachte im Holunderstrauch
die Amsel, zupfte ihr Gefieder.
Da fiel ihr ein die Wette wieder.
Schnell flog sie frohen Mutes los,
denn die Entfernung war nicht groß.
Zwei Flügelschläge: Wuff, wuff und schon
war sie auf der Alp. Zum Hohn
der Kröte hub sie an zu singen,
ihr ein Spottlied darzubringen:

"Ich bin die Erste auf der Alp.
Die Kröte schafft den Weg nicht halb.
Ach du arme Kröte du,
leg' beim Tempo etwas zu.
Ist dir das vielleicht zu schwer?
Sicher schaffst du's gar nicht mehr".

Wie ist die Amsel da erschrocken
als auf der Alp laut mit Frohlocken,
direkt aus dem Butterfaß
herausschallte der Krötenbass:


"Korax, korax, korax quak.
Ist das nicht ein schöner Tag.
Korax, korax, korax quak.
Fertig hab ich schon den Quark
"Korax, quak ich hab' gewonnen,"
hat die Kröte neu begonnen.
"Korax, korax, Milch und Quark
machen müde Kröten stark."

Es hat richtig froh geklungen,
als die Kröte so gesungen.

Die Amsel, nicht mehr froh gelaunt
hörte das Lied und hat gestaunt.
Sie sah es ein dann mit der Zeit.
Auch wer langsam geht kommt weit.

Doch die Kröte rief ihr zu:
"Überheblich das warst du."


R.W. A.
Nach einer Fabel aus dem Tessin